Der Zähringer Löwe

 

 


 

Die Stadt Bielefeld wurde A.D. 1214 von Graf Hermann II. von Ravensberg gegründet. Er war ein Sohn des Grafen Otto I. von Ravensberg und der Oda von Zütphen. Hermann II. war mit Jutta von Thüringen verheiratet. Jutta, Gräfin von Ravensberg, war die Tochter des Landgrafen Ludwig II. von Thüringen und der Judith, Schwester Kaiser Friedrich I. Vier Kinder gehen aus der Ehe hervor: Hermann, Domherr zu Münster; Gottfried, Propst von Köln; Otto II., Graf zu Vlotho und Vechta und Ludwig, Graf von Ravensberg. 

Im folgenden Artikel wird von Graf Hermann II. von Ravensberg die Rede sein. Die Namensgebung, Titulierung und die Ordnungszahlen sind verwirrend. Die Grafen vor ihm betitelten sich "von Calvelage, Graf zu Ravensberg". Otto I., Hermanns Vater, nachweisbar von 1141/1144 bis 1170 und Heinrich, 1158 bis 1175/1180 bezeugt, titeln sich als Graf von Ravensberg.
Hermann war der vierte Träger des Namens. Im Volksmund und leider auch in mancher hier verwendeten Literatur wird er auch als "Hermann IV". tituliert, was freilich nicht korrekt ist. Einen "Hermann IV., Graf von Ravensberg" hat es zum Zeitpunkt der Stadtgründung nicht gegeben und da die Namensänderung bereits vollzogen war auch keinen "Hermann IV. Graf von Calvelage". 


1072 bis 1082       Graf Hermann I. von Calvelage
1075 bis 1144       Graf Hermann I. von Calvelage zu Ravensberg
1141/44 bis 1170   Graf Otto I. von Ravensberg
1160 bis 1180       Graf Heinrich von Ravensberg
1170 bis 1221       Graf Hermann II. von Ravensberg
1200 bis 1244       Graf Otto II. von Ravensberg
1217 bis 1249       Graf Ludwig von Ravensberg
1249 bis 1306       Graf Otto III. von Ravensberg
1306 bis 1328       Graf Otto IV. von Ravensberg
1328 bis 1346       Graf Bernhard von Ravensberg

Unser Stadtgründer nannte sich nicht mehr nach denen von Calvelage, sondern nur noch „Graf Hermann II. von Ravensberg“. Ein Hermann, der den Titel „von Ravensberg“ nicht erhielt, starb schon im sehr frühen Kindesalter und wurde daher vermutlich nicht gezählt. Nachweise finden sich bei Gustav Engel (Stadtarchiv). Ebenso findet sich im Stadtarchiv eine Geschlechtertafel aus dem 18. Jh. in der der Stadtgründer als "Graf Hermann III. von Ravensberg" bezeichnet wird, obwohl es zwei Hermanne (I. und II.) vor ihm ohne den Zusatz von Calvelage nicht gegeben hat. Ein Hermann IV. taucht erst im Jahre 1287 auf und zwar als Domprobst zu Osnabrück. Graf Hermann II. von Ravensberg, der Stadtgründer Bielefelds, ist um das Jahr 1220/21 verstorben.
Im Frühjahr 2010 ist ein neues Buch unter dem Titel "Burg Ravensberg" erschienen. Hierin wird der Stadtgründer als "Hermann III." bezeichnet. Einen Nachweis darüber bleibt der Autor schuldig. 

Der Stadt Bielefeld, die im Jahre 2014 ihr 800jähriges Stadtrechtsjubiläum feierte, wurde geraten, den korrekten Titel und die korrekte Ordnungszahl gründlich und wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Auf der Schidertafel vor der Sparrenburg steht noch immer der "falsche Stadtgründer", Hermann IV. Doch so einen gab es zur Zeit der Stadtgründung nicht. 
Ich ziehe es deshalb bisweilen vor, die Ordnungszahl nicht zu benennen und nenne unseren Stadtgründer Graf Hermann von Ravensberg

Der Name der Stadt leitet sich aus dem mittelhochdeutschen Wort bühel, auch buhel, pühel, puhel = Hügel, Berg, Erhebung und velt = Feld, Gelände, Land ab. Das Bilveld, Bilevelt oder Bilivelde ist also ein Hügelfeld. Im Sprachgebrauch hat sich zuerst der Name Bilevelt, dann Bilivelde entwickelt. Ich benutze die älteste Schreibweise, wie sie in der Vita Meinwerci nachgewiesen ist. Im Laufe der Zeit änderte sich immer wieder die Schreibweise. Tatsächlich ist die Stadt auf mehreren Hügeln errichtet worden. Im Gebiet des Bilivelde, das sich im westlichen Landesteil Sachsens befand, lag viel verstreuter Grundbesitz des Frauenklosters und späteren Stiftes Herford, das laut einer Urkunde aus dem Jahre 940 dem Schutz König Otto I. unterlag. Unter anderem lag in nordöstlicher Richtung hier auch das Stift St. Johannes in Schildesche, das seinen Besitz von der adligen Dame Marswidis als Schenkung erhielt. Viel Wald besaß das Stift Herford um Dornberg und am Johannisberg, also in Richtung Borgholzhausen und auch bei Werther. Dieser Wald sollte später noch zum Streit mit den Ravensberger Grafen führen. 

Aus einer Urkunde des Klosters Corvey um die Jahre 856 bis 866, einer so genannten Traditionsnotiz, geht hervor, dass ein Mann namens Bernward 
eine Hufe [entspricht etwa 30 Morgen und umfasste im 12. und 13. Jh. in Sachsen etwa 7,5 ha] in bylanvelde bzw. bylevelde zusammen mit einem angrenzenden Waldstück und einer halben Hufe in thydwyteshusun, der Bauerschaft Ditzen im heutigen Stadtteil Oldentrup, dem Kloster übereignet hat. Diese Hufe, die wahrscheinlich vor dem Siekertor (vgl. Stadtplan) lag, dürfte ein Lehen des Klosters Corvey gewesen sein, das später die Abtei Herford erhalten hatte. 

 

 

Graf Hermann von Ravensberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

Abschrift einer Tradititionsnotiz (Auszug): hierin wird der Name bylanvelde bzw. bylevelde (erste Zeile) erstmals erwähnt

[Die Schriftart entspricht der gotischen Textur. In der Zeit vor der Stadtgründung benutzte man die karolingische Minuskel, die jedoch kein "V" kennt, sondern das "U" benutzt. Die Schriften des 12. und 13. Jh. sind so genannte Übergangsschriften. Die mittelalterliche lat. Schreibweise benutzt das "U" als "V" z.B. in voluntare = Wille.]



Um die Mitte des 12. Jh. schreibt ein Mönch im Kloster Abdinghof in Paderborn die Vita des Bischofs Meinwerk von Paderborn nieder, der von 1009 bis 1036 regierte. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Abschrift. Darin wird der Name der Stadt Bilivelde erwähnt: "Ein freier Mann, ein gewisser Tiedi" besaß als "... Erbgut 70 Äcker im Bilivelde ...".

[Auch hier steht ein „U“ in Biliuelde (erste Zeile) für ein „V“. Dass nur ein „V“ gemeint sein kann, ergibt sich aus dem darunter stehenden Wort "uoluntare" = voluntare, das am Anfang mit einem „U“ geschrieben wurde. Die Urkunden weisen noch eine ganze Menge weiterer Worte nach, die anstelle eines "V" mit einem "U" geschrieben wurden. Es dauerte halt seine Zeit, bis sich mittelalterliche Schreiber an den neuen Buchstaben "V" in der neuen Schriftart, der gotischen Kursiv und der gotischen Textur gewöhnt hatten.]



Bischof Meinwerk auf dem Tragealtar des Roger von Helmarshausen


Das Bilivelde war demnach eine Siedlung mit einigen Höfen, wie Hausfundamente um das Jahr 1000, kurz nach 1945 entdeckt, und Funde aus 1985, u.a. ein Kugeltopf aus dem 10. Jh., belegen. Der Waldhof, wahrscheinlich einer von vier Urhöfen, war eine Ansiedlung für die Dienstmannen des Grafen und hat seine ovale Form bis in die heutige Zeit behalten. Gestritten wird heute darüber, ob diese Siedlung vor oder innerhalb der Stadt gelegen hat. Dass der Waldhof vor der Stadt gelegen haben soll, ist eher unwahrscheinlich. Warum sollte der Graf seine Dienstleute einer Gefahr aussetzen, wenn er sie für den Aufbau seiner Stadt brauchte? Eine neue Stadt ist auch immer ein Konkurrent für andere Städte, wie hier für Herford und zieht Neid auf sich. Das dürfte dem Grafen Hermann bewußt gewesen sein. Um das Jahr 1221 zogen Ministeriale der Abtei Herford vor die Stadt Bilivelde und zündeten sie an, weil die neuen Bewohner Holz für den Stadtbau aus der Umgebung entnahmen, das der Abtei gehörte. Groß war die Zahl der Angreifer nicht - das konnte sich die Abtei nicht leisten. Die Burg Sparrenberg kann zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht vorhanden gewesen sein, denn sonst wären sie der Stadt zu Hilfe gekommen. Angesichts einer vorhandenen Burgmannschaft hätten die Herforder Ministerialen so einen Angriff nicht gewagt. Sie hatten Erfolg, weil sie kaum auf Gegenwehr stießen. 

 

 

 

 



Fehde gegen die Stadt


Ob der Weg der Grafen von Ravensberg in die Gegend von Borgholzhausen und Bielefeld an den Osning über eine Heirat mit einer Tochter aus dem Hause Northeim geführt hat oder über das Herzogenhaus der Billunger, ist nicht eindeutig. Ihren Ursprung haben sie aus dem Geschlecht der Grafen von Kalberlage, auch Calvelage. Aus ihrem Stammbaum geht jedenfalls eine Vermählung zwischen Hermann I. von Calvelage mit der ältesten Tochter Edelind, des Herzogs Otto von Northeim und dessen Gemahlin Richenza von Schwaben, eine Tochter Herzog Ottos II., um das Jahr 1071 /1072 hervor, der von 1061 bis 1071 das mächtige Herzogtum Bayern verwaltete und es an den Welfen König Heinrich IV. wieder verlor, weil dieser befürchtete, ein Sachse könnte sich zum Gegenkönig erwählen lassen. Die Grafen von Northeim indes witterten sehr früh schon diese Morgenluft mit einem Aufstieg ins Königtum. Deshalb erscheint dieser Weg am Wahrscheinlichsten. Mehr darüber unter: Der Landesherr

Altstadt Bielefeld um 1214
(Nachzeichnung) 

Um 1100 erwerben die Grafen von Calvelage Gebiete im Teutoburger Wald nordwestlich von Halle und errichten die Burg Ravensberg. Etwa ab 1140 verlegt Graf Otto I. von Ravensberg seinen Hauptsitz auf die Burg und führt fortan den Titel "Graf von Ravensberg". In der Zeit bis zur Stadtgründung bauten die Grafen von Ravensberg ihr Herrschaftsgebiet stetig aus. Sie fassten ihren Streubesitz in den Gegenden um Vechta, Bersenbrück, Wester-/Ostercappeln, Beckum, an der Lippe und im Süden Westfalens zusammen und durchsetzten es mit einer schlagkräftigen Dienstmannschaft. Durch so genannte Hagengründungen, das sind Langdörfer mit einer besonderen Rechtsstellung, erweiterten und festigten sie ihr Territorium und hier galten uneingeschränkt ihre gräflichen Rechte. Hag bedeutet in der mittelhochdeutschen Sprache Dorf. Häger waren demnach bewaldete Siedlungsgebiete, die Bauern in gleich großen Stücken zur Rodung überlassen wurden und auf denen sie fortan unter besonderen Privilegien freiheitliche Rechte besaßen, das so genannte Hagenrecht. Eine Urkunde des Bischof Evergis von Paderborn aus dem Jahre 1163 verweist als ältestes Dokument Westfalens auf dieses Hagenrecht. So künden noch heute viel Orte mit der Vor- oder Nachsilbe -hagen, z.B. Steinhagen, Brockhagen, Nienhagen, Sudhagen, Meinertshagen, Gräfinghagen = gräflicher Hagen, etc. aus dieser Zeit. 
Neben den Hagengründungen boten die Grafen von Ravensberg den "wehrlosen" Stiften und Klöstern am Osning und auch im Osnabrücker und Oldenburger Land ihre Schutzherrschaft an, in dem sie sie mit Vögten als weltliche Vertreter ausstatteten. So erlangten sie nach und nach in Konkurrenz zu ihren Nachbarn an Einfluss, z.B dem Stift Herford oder dem reichen Zisterzienserkloster Marienfeld, den Bistümern in Münster, Minden, Osnabrück und Paderborn sowie kleineren Dynastien wie die welfischen Grafen von Tecklenburg, die Edelherren zur Lippe und die von Holte. In den Machtkämpfen zwischen den Welfen und Staufern, Graf Hermann war ein staufertreuer Gefolgsmann, suchten sie auf deren Seiten stets ihre Vorteile zu nutzen. So erlangten sie im ersten Drittel des 13. Jh. auch die Herrschaft von Vlotho und verfügten über zwei große Herrschaftsgebiete, was später jedoch durch einen Bruderzwist wieder verloren ging. 1270 fällt Vlotho wieder zurück an Ravensberg. 

 

 

 

 

 


Burg Ravensberg


Durch die von Handwerkern und Kaufleuten bewohnte Siedlung im Bilivelde zogen sich mehrere wichtige Handelswege, wie zum Beispiel der Hellweg von Soest über Paderborn nach Höxter bis nach Goslar und Braunschweig oder der Handelsweg von Köln über Dortmund, Münster, Osnabrück nach Bremen und Lübeck sowie eine wichtige Strecke von Münster über Greffen, Brockhagen, Steinhagen nach Herford, Minden und von dort weiter nach Osten mit weiteren Querverbindungen nach Detmold und Hameln bzw. Lippstadt und Wiedenbrück. Die wichtigste Voraussetzung einer Stadtgründung. 
Als Graf Hermann um das Jahr 1214 mit seinen Ministerialen an der Kreuzung vor der Siedlung stand und das Hügelfeld, das Bilivelde, betrachtete, muss ihm der Plan der künftigen Stadt bereits schon länger vor Äugen geschwebt haben. Sein bisheriger Wohnort, die Burg Ravensberg bei Holthus = Borgholzhausen, war ihm zu klein geworden. Aber er wollte auch in der unmittelbaren Nähe seiner künftigen Stadt sein, von der er sich durch einen florierenden Handel Mehreinnahmen versprach. Dafür wollte er schon sorgen.

 

 

 

 

Bild Handelswege


Vor seinem geistigen Auge mag er den Platz gesehen haben, an dem sich alle Wege kreuzten. Dieser Platz sollte den Kern der Stadt bilden an dem täglich Markt abgehalten werden würde. Zog man einen weiträumigen Kreis um diesen Marktplatz, so konnte man sich die künftige Stadt schon gut vorstellen. Die Stadtmauer würde in den ersten Jahren nur aus Holzpalisaden bestehen. Das Holz hierfür und das Bauholz für die Häuser der künftigen Stadt sollte aus den umliegenden Wäldern kommen. 
Die Stelle, von der aus er seine Betrachtungen anstellte, lag in unmittelbarer Nähe eines Passes durch den Teutoburger Wald. Sie bot sich geradezu an für einen Gadderbaum, also einen Schlagbaum als Zugang zur Stadt an, an der Zoll entrichtet werden sollte. Graf Herrmann schaute über das weitläufige Gelände. Weit um seine Stadt herum erblickte er natürliche Erhebungen. Diese Erhebungen und die Senken dazwischen sollten doch für eine Landwehr brauchbar sein. Ein mehrere Meter tiefes und hohes Gehölz mit undurchdringlichem Dornengestrüpp um die Stadt herum würde einen Angriff zunächst einmal zum Stehen bringen. Das brächte genug Zeit für die Vorbereitung der Verteidigung der Stadt.
Dazwischen wird dann die Feldmark liegen. 
Sehr günstig lagen auch zwei Bachläufe - der Bohnenbach [der später bei der Erweiterung der Stadt Alt- und Neustadt trennen wird] und der Vossbach [im Hagenbruch]. Beide kamen mit Wasser aus den Tälern des Teutoburger Waldes, sofern sie denn genügend Wasser mit sich führten. Das könnte ein Problem mit der Versorgung für die Stadtbewohner werden. Und um als Hindernis zu wirken, müsste man den Stadtgraben nur breit und tief genug anlegen. Weiter hinter der Stadt floss auch noch die Lutter in Richtung zur Ems. Zu weit weg? Eine Verbindung zur Stadt wäre nur vorteilhaft. Das Velt ist zu hügelig, um gerade Straßen zu planen. Also sollen sie dem natürlichen Verlauf folgen. Und wie bringe ich die Menschen hier her? Ich müsste ihnen schon einige Freiheiten geben - wie denen in Münster. Kaufleute, ja Kaufleute, die bringen die nötige Erfahrung und auch das Geld schon mit - sie sollen selber über die Durchführung der Stadtgründung entscheiden dürfen.
So oder so ähnlich hätten die Gedanken Graf Hermanns bei seinen Planungen sein können.

 

 

Holz-Erde-Stadtbewehrung
der ersten Jahre 


Nachdem der Plan zur Stadtgründung feststand, wurde die Grundfläche der Stadt in einzelne Grundstücke aufgeteilt. Die Stadtbewohner sollten über Haus und Grund frei verfügen können, also Haus und Grund vererben, verkaufen, verschenken oder mit Hypotheken belasten können. Volles Eigentum sollten sie jedoch nicht erhalten, vielmehr einen jährlichen Wortzins, Wort = Grundstück, bezahlen, eine Art Grundsteuer. Die schönsten und besten Häuser werden um den Markt herum gebaut werden, sowie in der Obern- und Nierdernstraße. Der Landesherr selbst besaß in der Stadt einen Grafenhof [etwa an der Stelle der heutigen Galerie Samuelis Baumgarte].
Das Bilivelde war an einigen Stellen sumpfig und so wundert es nicht, dass es in der Stadt unterschiedliche Höhen der zu bebauenden Fläche gab. Einen Höhenausgleich durch in den Boden gerammte Eichenpfähle und Aufschüttungen fand erst in späterer Zeit statt. Daher weist die Stadt auch kein geplantes Straßennetz auf, sondern die Wege und Straßen wurden entsprechend dem festen Untergrund nach den natürlichen Gegebenheiten festgelegt. So dürfte die Gegend um das Brückentor etwa zwei bis drei Meter tiefer gelegen haben als am Niederntor. 
Was die Versorgung mit Wasser für die Stadtbewohner betraf, so ist nicht mehr bekannt, wo Brunnen vorhanden waren. Lediglich vom Hagenbruch liegt ein Nachweis vor. Sie dürften sowohl am Markt als auch in der Nähe der Stadttore angelegt worden sein. Vom Niederntor darf man das mit Bestimmtheit annehmen. Zum Einen, weil in Tornähe Abstellplätze für Fuhrwerke und Pferdetränken zur Verfügung stehen sollten und weil hier das Vieh hinausgetrieben wurde. So hieß die heutige Herforder Straße bis ins 18. Jh. Viehtrift. Zum Anderen, weil Brunnen in der Nähe der Stadtmauern der Brandbekämpfung, insbesondere bei Angriffen, dienten. Weitere Brunnen, u.a. auch zur Brandbekämpfung, könnten sich auf den innerstädtischen Höfen, den Adelshöfen und auf dem Grafenhof befunden haben. Somit wäre die Stadt ausreichend mit Brunnen versorgt gewesen. 
 

Da auch Kaufleute und Handwerker Vieh besaßen, vornehmlich Pferde, Zugochsen und auch Kühe, Schweine und Schafe, durften sie auf den Äckern, Weiden und dem Wald vor der Stadt, die so genannte Allmende, später als Feldmark bezeichnet, diese Flächen nutzen. Hierfür hatten die Besitzer einen Morgenzins, ein Morgengeld oder auch Morgenkorn, also eine Nutzungsabgabe, an den Grafen zu zahlen. 
Um die Stadt nach außen hin zu sichern, hoben die künftigen Stadtbewohner einen Graben aus, der sein Wasser aus den beiden Bächen bezog und schütteten den Aushub zu Wällen auf, die man mit einem Palisadenzaun versah, dessen Holz, wie auch das zum Hausbau, aus den umliegenden Wäldern herangeschafft wurde. 
Diese Wälder jedoch befanden sich größtenteils im Besitz des Stiftes Schildesche und teilweise auch im Besitz des Stiftes Herford und des Zisterzienserklosters Marienfeld. In der Folgezeit führte die illegale Entnahme zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Ministerialen der Stifte und den Bürgern und Bauern der Stadt Herford, wobei es im Bilivelde zu Zerstörungen kam.
Die Ministerialen gerade dieser Zeitepoche waren keineswegs zimperlich, erkämpften sie sich doch seit Beginn des 11. Jh. ihren Platz in der Ständeordnung und der Ritterschaft, erhöhten ständig ihren Stand und erhielten schließlich im 13. Jh. ihren eigenen Heerschild.
 

Graf Hermann hatte sich rechtzeitig und erfolgreich beim König Friedrich II. um Privilegien zur Stadtgründung bemüht, was aus einer Bestätigungsurkunde von 1224 seines Nachfolgers, Graf Otto II. von Ravensberg, hervorgeht. Empfänger war Ottos Gemahlin, Gräfin Sophie. Ihr wurde das Lehen in gleicher Weise übertragen, wie es ihr Mann bereits vom Reiche besitze. Dazu gehörte die Belehnung mit einer Münze und das Recht, Zoll zu erheben. Es ist anzunehmen, dass Graf Hermann diese Privilegien entweder auf dem im März 1214 in Koblenz abgehaltenen Hoftag oder bereits schon vor der Stadtgründung vom König erhielt, vielleicht bei einer Gelegenheit einer Zusammenkunft mit diesem. Stand doch Graf Hermann stets treulich auf der Seite des Staufers.
Das Zollrecht wurde auf des Grafen Richter übertragen. Einer Urkunde des Zisterzienserklosters Marienfeld aus dem Jahre 1214 zufolge, war ein Ratbertus zu dieser Zeit der Richter der Stadt im Bilivelde, ebenso ein Dinggraf Hermann. Beide haben als Ministeriale des Grafen Hermann eine richterliche Handlung vorgenommen. Eben aus dieser Urkunde lässt sich schließen, dass durch das Vorhandensein eines Stadtgerichtes Bilivelde zu diesem Zeitpunkt bereits Stadt war. Die Stadtgründung muss also zwischen 1213 und 1214 gelegen haben. Die Stadtgründung im Jahre 1214 ist umso wahrscheinlicher, als dieser Akt auch eng mit einem Ereignis zusammenhängt, das sich im Juli 1214 in Frankreich ereignet hat. Die Schlacht bei Bouvines.  
 



Der seit 1198 schwelende Krönungsstreit zwischen Welfen und Staufern spitzte sich stetig zu. Friedrich II., der rechtmäßige König, wird von den deutschen Fürsten von seinem Erbe ferngehalten; sie wählen den letzten noch lebenden Bruder des 1197 verstorbenen Kaisers Heinrich VI., Philipp von Schwaben, zum König. Die anderen Fürsten hatten den Welfen Otto IV., einen Sohn Heinrichs des Löwen, gewählt. Nun gab es gleich drei Könige – Friedrich, Philipp und Otto IV von Braunschweig. Alle drei erhoben Anspruch auf Titel und Thron. Die Folge waren Kriege und Zerstörungen im ganzen Heiligen Römischen Reich. 
Papst Innozenz III. nutzte diesen Streit, um kaiserliche Rechte in Italien abzubauen und die eigene Macht und die der Päpste für kommende Zeiten zu festigen. Nach seiner Kaiserkrönung 1209 bricht Otto IV. sofort eine Zusage an den Papst und bereitet die Invasion auf das sizilianische Königreich vor. Innozenz III. ist maßlos enttäuscht und fühlt sich getäuscht, bannte den Kaiser und schlägt sich auf den Rat des französischen Königs Philipp August auf die Seite Friedrichs.  
Im September 1211 kamen die Großen des Reiches in Nürnberg zusammen, unter ihnen der Erzbischof von Mainz, Siegfried II. von Eppstein, der Landgraf Hermann von Thüringen und König Ottokar I. von Böhmen, um Friedrich II. in Abwesenheit zum deutschen König zu wählen. Auch der König von Frankreich Philipp II. soll dabei seine Finger, das heißt sein Geld, mit ins Spiel gebracht haben. So genannte Handreichungen oder Handsalbungen machten es den deutschen Fürsten leicht für Friedrich zu stimmen. Philipp II. verfolgte damit das Ziel, sich die Welfen und damit die Engländer, den Erzfeind, die den Nochkaiser Otto IV. finanziell unterstützten, vom Leibe zu halten. 1212 erreichte Friedrich ein Pergament der deutschen Fürsten. Sie teilten mit, dass er deutscher König und ihr „erwählter Kaiser“ sei und sie baten ihn nach Deutschland zu kommen und die Krone anzunehmen. Friedrich II. eilte nach Deutschland. Otto indessen, von den Nachrichten über die Wahl und die Absichten der deutschen Fürsten alarmiert, brach einen Feldzug nach Sizilien ab und eilte im Gewaltmarsch zurück an den Bodensee, wo er Friedrich vermutete. Drei Stunden vor Otto traf Friedrich in Konstanz ein.
Die Kunde von Friedrichs Geniestreich verbreitete sich im alten staufischen Stammgebiet des Herzogtums Schwaben so rasend schnell, dass in kürzester Zeit Otto seine Anhänger und Getreuen verlor. Mit Unterstützung des Papstes und des französischen Königs festigte Friedrich seine Macht. 
Im November 1212 kam es zu einem Treffen mit dem französischen Kronprinzen Ludwig VIII. nahe Toul. Man vereinbarte schriftlich das weitere Vorgehen gegen den Welfen, worin der künftige französische König auch das Vorgehen gegen England bedachte. Friedrich konnte sich über die Übergabe von 20.000 Mark Silber freuen. Jetzt kaufte er sich seine Anhängerschaft zusammen, war großzügig bei der Vergabe von Reichslehen und Privilegien und sparte nicht mit Handsalbungen. 
1213 sicherte Friedrich den deutschen Bischöfen weitreichende Freiheiten zu und sich so ihre Unterstützung. 
1214 überfiel Otto IV. mit seinem Onkel, dem englischen König Johann Ohneland und mit Bundesgenossen, Frankreich und wurde bei Bouvines vernichtend geschlagen. Friedrich II. führte mit seinem Reichsheer einen Entlastungsangriff gegen den Niederrhein, wo er Otto abfangen wollte, traf zur Entscheidungsschlacht jedoch zu spät ein. In diesem Gefolge dürfte auch unser Graf Hermann dabei gewesen sein. 

Erst jetzt, nach der völligen Niederlage des Welfen, kehrte nach und nach in allen Landen wieder der Friede ein. Die politischen Voraussetzungen für eine Stadtgründung waren mit einem inneren Frieden durch das französische Ereignis geschaffen worden.

Der Markt als wichtigste Voraussetzung für eine wirtschaftliche Entwicklung einer Stadt konnte nicht funktionieren ohne eine gewisse Ordnung - der Marktordnung. Mit dieser garantierte der Landesherr auch Schutz, den Marktfrieden, den er durch die städtischen Organe ausüben ließ. Um Händler und Kaufleute in der Stadt anzusiedeln, bedurfte es noch weiterer Rechte, die auch die Beziehungen der Bürger untereinander regelten - das Stadtrecht. Das Stadtrecht für Bilivelde brachten Kaufleute und Bürger aus Münster mit.  
Im Frühjahr 1214 verhängte der Erzbischof Siegfried III. von Mainz im Auftrage von Papst Innozenz III. über die Stadt Münster das Interdikt. Die Bürger Münsters verloren damit alle religiösen Rechte. Keine gottes-dienstlichen Handlungen, kein Kirchgang, keine Taufe, keine Beichte, keine Hochzeit, kein Begräbnis durfte mehr erfolgen. Das könnte der Ausschlag für die dortigen Kaufleute und Handwerker gewesen sein, ihrer Stadt den Rücken zu kehren und ins nahe Bilivelde zu ziehen. Hier lockten die gleichen Freiheiten, wie sie sie von Münster her schon kannten. Graf Hermann erlaubte ihnen "ihr Stadtrecht" mit nach Bilivelde zu bringen. Mehr dazu unter Handel und Handwerk


Innocentius III.

 


Kaiser Otto IV. von Braunschweig

 


König Fridrich II., stupor mundi




 
König Philippe II., Auguste 

von Frankreich


Quellen

Engel, Gustav: Die Stadtgründung im Bielefelde und das Münstersche Stadtrecht. 5. Sonderveröffentlichung des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg e.V. Bielefeld, 1952

Engel, Gustav: Die Ravensbergischen Landesburgen, Bielefeld 1934

Hennig, Beate: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Niemeyer Verlag, Tübingen 2001

Horstmann, Hans: Der Reiter mit dem Sparrenschild - Ein Denkmal aus der Frühzeit der Heraldik im Dom zu Münster. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg Bd. 65, 1967

Lamay, Andreas: Diplomatische Geschichte der alten Grafen von Ravensberg, mit einer Geschlechtstafel, Landkarte und Sammlung von CXXXIX Urkunden. Verfasset und herausgegeben von L. A., kurpfälzischen Hofrathe und Bibliothekarius, der kurfürstlichen Akademie der Wissenschaften beständigen Secretarius und Mitgliede der kurpfälzischen deutschen Gesellschaft. Mannheim mit akademischen Schriften, 1779 

Lange, K.-H.: Der Herrschaftsbereich der Grafen von Nordheim 950-1144 (Stud. und Vorarbeiten zum Hist. Atlas von Niedersachsen 24, 1969) [Lit.)

Berg, St.; Rolle, R.;Seemann, H.: Der Archäologe und der Tod, 1981

Rumpf, M.: Deutsches Handwerkerleben. Stuttgart 1955

Vogelsang, Dr., Reinhard: Geschichte der Stadt Bielefeld, Band 1 - Von den Anfängen bis zur Mitte des 19. Jh. Bielefeld, 1980

Vollmer, Bernhard: Urkundenbuch der Stadt und des Stiftes Bielefeld (BUB). Bielefeld und Leipzig, 1937

Vortrag im Historischen Museum der Stadt Bielefeld, von Herrn Dr. Gerhard Renda, stellv. Museumsleiter; "Die Grafen von Ravensberg", April 2004.

Wester, Stephan: Praktische Alltagsgegenstände des Hochmittelalters. Barbarossa-Verlag, Zülpich 2001 

Der Mittelalterserver - zu mittelalterlichen Währungen & Preisen  

 

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