Der Zähringer Löwe

 

 

 

Die Kaufleute aus Münster brachten das Stadtrecht mit nach Bilivelde. Darin war ihr Kaufmannsrecht zum großen Teil bereits enthalten. Eine bis etwa 1225 mündlich überlieferte Marktordnung regelte den Ablauf eines Marktes, der täglich abgehalten wurde. Im Marktrecht war auch der vom König ausgesprochene Marktfriede enthalten. Ein Übeltäter, der den Marktfrieden durch Betrug, Wucher, Diebstahl oder in anderer Weise brach, wurde äußerst hart bestraft. Es ging ihm in der Regel an den Hals, nicht weil er die Marktordnung störte, sondern weil er gegen Königsrecht verstieß. Um einen störungsfreien Markt zu gewährleisten, setzt der Rat der Stadt eine Marktaufsicht ein. der rat hat gesetzet an erber lüte, die daz brot, win und fleisch besehen - der Rat hat ehrbare Leute eingesetzt, die das Brot, den Wein und das Fleisch beschauen (kontrollieren). Bäcker, die zu kleine Brote buken, Fischhändler, die zuließen, dass die Ware berührt wurde, hatten saftige Geldstrafen zu zahlen. So manche Stadt schickte seinen Fleischrat auf den Markt, um bei Metzgern nach faulem oder altem Fleisch zu suchen. Geregelt war auch der Verkehr auf den Plätzen und den Straßen der Stadt. So mussten die Straßen so breit sein, dass ein anderer Wagen ausweichen konnte. Ein leichter Wagen sollte dem schweren ausweichen; wer zuerst eine Brücke erreichte, sollte diese auch zuerst überqueren. Ein Reiter hatte dem Wagen auszuweichen und ein Gehender dem Reiter.

 

Im 13. Jh. kam über die Fernkaufleute, hauptsächlich solche mit Schiffen, langsam der Handel mit „Massengütern“ auf. Es entwickelte sich in den Städten ein reger Handel mit diesen Kaufleuten, die Waren herbeischafften, die man selber nicht herstellen konnte. Bei den Landesherren standen sie in hohem Ansehen, nicht nur, weil sie fremde Sprachen beherrschten, sondern weil sie auch Kriegsgerät und Waffen liefern konnten.
Gehandelt wurde mit Asche, Kupfer und Silber, Eisenerze, Eisenwaren, Getreide, Holz, Honig, Salz Tuch, Wolle und Ziegeln. Auch für Luxusgüter, wie Bernstein, Gewürze, Honig, Leinen, Pelze, Seide, Wachs, Wein, Weihrauch und Wolltuch fanden sich viele Abnehmer, die es dann in ihrer Region weiterverkauften.
Bald entstanden z.B. in Köln, Frankfurt, Lübeck, Nürnberg, London, Visby oder Stockholm auch die ersten Handelmessen.
Ohne Handwerker kam keine Stadt aus. Städtisches Wachstum war nur mit ihnen möglich. Über den Markt sorgten sie mit den Kaufleuten für den Aufschwung einer Stadt und den Warenaustausch der Städte untereinander. 
 


Zu Beginn der Stadtgründung im Bilivelde lebten die neuen Bürger hauptsächlich vom Handwerk, die auch aus dem Stand der Bauern in die neue Stadt kamen. Weil die Stadt den Handel brauchte, sorgte Graf Hermann schon frühzeitig dafür, dass sich die entsprechenden Berufsgruppen hier ansiedelten. Den täglichen Bedarf der Bürger an Gebrauchsgegenständen deckten die Krämer. Ihre Waren boten sie im Gegensatz zu den Hökern über eigene Marktbuden an. Textilien, Eisen- und Metallwaren, Gewürze und andere importierte Lebensmittel gehörten zu ihrem Angebot. Hökerwaren anzubieten war ihnen nicht erlaubt. Das war das Geschäft der Höker. Diese belieferten die Stadtbewohner mit kleineren Mengen Lebensmitteln aus dem Umland, wie Salz, Butter, Käse, Obst und Gemüse. Heringe und Stockfische bezogen sie über die Fernkaufleute. Allerdings war ihnen der Handel mit größeren Mengen, mit ganzen Tonnen, verboten.
Zur Regulierung des Marktes, zur Stabilisierung der Preise und Warenmengen organisierten sich die Händler und Handwerker in Gilden und Zünften. 
Da die Gilde nicht allein Berufsverband war, sondern auch religiöse Bruderschaft, wundert es nicht, dass sich auch gesellschaftlich höher stehende Kaufleute darin finden lassen. Auch in den Hökergilden finden sich für Bielefeld Namen, die nicht von Hökern stammen.

Der Eintritt in diese Organisationen war mit einem Aufnahmegeld verbunden. Z.B. in Gilden aufgenommen wurde nur, wer das Bürgerrecht besaß und einen Fürsprecher hatte. Er musste auf die Statuten schwören und in manchen Gilden ein Gastmahl zum Einstand bezahlen. Es bestand Teilnahmepflicht an den Sitzungen und bei Begräbnissen verstorbener Mitbrüder; Säumige zahlten ein Strafgeld. Die Leitung der Gilde oblag dem Dechen = Dekan, der jährlich gewählt wurde. Er hatte nach seiner Wahl auf eigene Kosten eine Mahlzeit für alle Mitbrüder auszurichten. Die Bielefelder Hökergilde hatte den Hl. Georg zum Patron, zu dessen Gunsten laut Statuten jährlich zwei Tonnen Hering verkauft werden sollten. Möglicherweise war in einer Bielefelder Kirche auch ein Altar zu finden, der dem Hl. Georg geweiht war. Frauen blieb der Zutritt zu den Gilden verwehrt. 
Die Zunft = auch Innung, Amt oder Gilde genannt, war seit dem 12. Jh. der Zusammenschluss der Handwerker, in der sie die Ausbildung des Nachwuchses, des Gesellen und den Aufstieg zum Meisteramt regelten. In Bilivelde hatten die Zünfte ihr Stück Stadtmauer zu unterhalten und zu verteidigen und in ihrem zugeteilten Bereich die Brandbekämpfung zu organisieren. Die Zunftmeister achteten auf den privaten Lebenswandel in ihrem Kreis; sie beteten für das Seelenheil verstorbener Amtsbrüder und kümmerten sich um die Hinterbliebenen. Sie überwachten die Anzahl der Handwerker, Maße und Gewichte sowie die Preise ihrer Erzeugnisse zur Qualitätssicherung und sorgten für einen guten Ruf ihres handwerklichen Könnens. Für eine Aufnahme in die Zunft galten strenge Regeln; ein Bewerber musste einen guten Ruf, die vorgeschriebene Lehre absolviert und ein Meisterstück geliefert haben. Damit sicherten sie den niedergelassenen Meistern die Arbeit. Außerhalb der Zunft durfte kein Handwerk ausgeübt werden, es bestand Zunftzwang. 

Auszug aus einem Gildebrief der Schmiede zu Osnabrück ...

Danach soll er bei dem Eide geloben, den er dem Rat von Osnabrück sagt:
was er im Amte sieht oder hört, soll er niemandem offenbaren außer seinem Gildebruder der im Amte ist;

daß er seinen Harnisch haben wird, seinen Ledereimer und all seine Wehr, deren er bedarf zum Behuf der Stadt Osnabrück;

auch keine Schlüssel zu machen, woraus Ärger entstehen kann;

daß er niemanden um seine Nahrung bringe mit Geld oder Beziehungen;

auch soll man kein Haus erwerben, in dem ein Gildenbruder wohnt, es sei denn mit dessen Willen;

auch seinem Gildemeister gehorsam zu sein in allen gebührlichen Dingen;

auch soll er keine Arbeit annehmen, zu der er Gehilfen anstellt und sie selbst nicht gelernt hat, und falls man ihm nicht glaubt, soll er es beweisen;

soll er geloben, wenn er etwas sieht, das dem Amte abträglich ist, zu melden.

 

Tuchmacher

© Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317.2°, f. 6v 

 

 

 

 

 

Schneiderhandwerk

© Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317.2°, f. 18r 

 


Einige Jahrzehnte nach der Stadtgründung lässt sich auch in Bielefeld die von anderen Städten her sich abzeichnende Tendenz zur Begrenzung der Anzahl der Gildenbrüder ausmachen. Das war zu Zeiten der Stadtgründung noch verhältnismäßig einfach. Es galt insbesondere im Handel mit Tuchen die Wollweber und Schneider abzuwehren. Aus dem Jahre 1309 sind Vermittlungsbemühungen des Landesherrn, Graf Otto IV. von Ravensberg, bekannt, der den in der Johannisbruderschaft zusammengeschlossenen Kaufleuten das Gewandschnittprivileg verlieh. Demnach mussten sich Weber und Schneider binnen Jahr und Tag entscheiden, ob sie in den Stand des Kaufmanns eintreten oder weiterhin Handwerker bleiben wollten. Der Zutritt zur Kaufmannsgilde wurde mit einem für Handwerker horrenden Eintrittsgeld von 20 Mark beschwert. Für 20 Mark Silber konnte man damals einen kleinen Bauernhof erwerben.
Welche Waren im Bilivelde oder anderenorts von Bielefelder Kaufleuten gehandelt wurden, lässt sich aufgrund der dürftigen Quellen nur vermuten. Wolltuche aus Flandern, dort monopolisiert und ein einträgliches Geschäft, dürften auch in Bilivelde gehandelt worden sein. Ebenso Seide. 

 


Leinenweberei wird in häuslicher Herstellung schon seit dem 9. Jh. imTeutoburger Wald ausgeübt. Somit ist Bielefelder Leinen nach Lübeck gelangt. Da Bielefeld vermutlich schon kurz vor 1212 oder kurz danach auch das Münzrecht innehatte, dürften Zinn, Kupfer und Silber und andere Metalle zu den gehandelten Waren gehört haben. An Lebensmitteln sind Butter, Stockfisch, Heringe, Wein, Gewürze und Talg bekannt. Hopfen, Malz und Korn wurden auch im Bilivelde zum Bierbrauen benötigt. Korn brauchte man darüber hinaus zur allgemeinen Lebensmittelversorgung und zur Bevorratung für Notzeiten.

Trotz weiter Wege und vieler Handelsbeschränkungen wie z.B. Zwischenhandel, Zoll- und Stapelrechte, bezog Bielefeld aus aller Herren Länder seine Waren. Bilivelde lag auf dem Haupthandelsweg Rheinland – Lübeck. So sind Handelsgesellschaften von Bielefelder Bürgern mit Lübeckern bezeugt. Überliefert ist Bremen als Handelsort mit Bielefeldern, wobei die gehandelten Waren nicht bekannt sind. Bielefelder Kaufleute tauchen auch in Dänemark, Schweden und Norwegen auf.
Handel mit benachbarten Städten erfährt man aus Lemgo, von dort bezog man Roggen und Wolle; Lippe, Münster, Bentheim und Groningen, von dort sind mehrfache Beschlagnahmungen bekannt. Herford, Minden, Enger oder Osnabrück dürften ebenfalls Handel mit Bielefelder Bürgern getrieben haben. Aus weiter entfernten Städten wie Braunschweig, Göttingen, Magdeburg oder Frankfurt am Main, von hier bezog Bielefeld seinen Wein, sind Händler belegt.

Die Mitgliedschaft Bielefelds in der Hanse = Gefolge, Schar (Zu-sammenschluss von Kaufleuten zur Sicherung ihrer Unternehmungen und zur Erlangung von Handelsprivilegien) des 13. Jh. wird bei Lamay in nur einem Satz erwähnt. Demnach waren beide Städte, Münster und Bielefeld, um die Jahre 1280 bis 1285 dem Hansebund beigetreten, in dem ihnen ein gewisses Ansehen nachgesagt wird. Ein jüngerer Beleg stammt aus dem Jahre 1473, in dem Bielefeld in einem Bericht der Stadt Lübeck neben anderen Städten erwähnt wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brakteatreplik, eine einseitig geprägte silberne Pfennigmünze


Ein großes Hemmnis im Handel mit anderen Städten war das Geld. Ab etwa 1100 gaben die einzelnen Münzstätten jeweils ihre eigenen Münzen heraus. Sie unterschieden sich im Gewicht, im Wert, d.h. im Silbergehalt und in der Darstellung. Ständiges Umrechnen und Auswiegen mit der Feinwaage machten den Kaufleuten das Leben schwer. Das hatte Nachteile wie Vorteile. Fernhändler, die mit teuren Waren Handel trieben, mussten gleich mehrere Geldbeutel mit den unterschiedlichen Pfennigen mit sich führen, weil sie nur mit den im Handelsgebiet gültigen Münzen bezahlen durften. Diese abjectio et renovatio, also eine Art Zwangsumtausch bedeutete bei einem Umtauschverhältnis von 4:3, dass die lokalen Münzherren für sich im wörtlichen Sinn daraus regelrecht Geld schlugen. Durch den regen Handel der Kaufleute konnte der Münzherr auf diese Weise seine Prägung in Umlauf bringen.

Rückseite

Am weitesten verbreitet war der Kölner Pfennig. Der Haller Pfennig, bekannt als Heller, war überwiegend in Süddeutschland im Umlauf. So quälten sich Kaufleute mit einer Unzahl unterschiedlicher Münzen in der jeweils benötigten Menge von Stadt zu Stadt. Die Gefahr auf den mittelalterlichen Straßen beraubt zu werden war sehr groß, wovon die harten Strafen dafür zeugen.

Die Einführung des Wechsels ab dem 12. Jh. erleichterte diesen Zustand ungemein. Dieses Wechselbriefsystem, das fälschlicherweise den Templern zugeschrieben wird, das diese lediglich von den Venezianern und Lombarden übernommen und verfeinert haben, indem sie betrugssichere Kürzel, die nur sie kannten, auf dem Wechselbrief anbrachten, ermöglichte es einem Kaufmann Geld an einem Ort einzuzahlen und an einem anderen Ort in barer Münze und in der benötigten Währung wieder ausgezahlt zu bekommen. Deutsche Kaufleute stellten italienischen Lieferanten, z.B. für Weißglas, den Wechselbrief aus und legten fest, dass Lieferanten das Geld für die Waren von einem Dritten bekamen, der meist am Ort des Lieferanten wohnte. Von diesen italienischen Kaufleuten lernten die deutschen Fernhändler auch neue Techniken in der Buchführung und des Bankwesens kennen. Genua kannte bereits im 12. Jh. so genannte bancherii = Banken, weil durch den Handel der Seestädte mit Luxusgütern hohe Gewinne erzielt werden konnten und dadurch sehr viel Geld im Umlauf war.

In Nürnberg kommen ab Beginn des 14. Jh. die ersten Bankhäuser auf, der Wechselbrief gehörte bereits zur Standardzahlungsart für italienischen Tand = Ware.  

Ein Bankhaus gab es im Bilivelde zur Zeit der Stadtgründung sicherlich nicht. Geldwechsler dürften aber einen Platz am Markt gehabt haben. Mehr zum Geld unter Gerichtsort und Münze  

 
   
 
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