Der Zähringer Löwe

 


 

 

 

 

Mit der Gründung einer Stadt im Mittelalter entstand zugleich ein neuer Rechtszustand. Mittelalterliche Städte hatten somit ihr eigenes Recht, das auch nur bei ihnen galt. Sie wachten sorgfältig darüber, dass nach Rechtsergänzungen oder weiterer Privilegierung seitens des Stadtherrns alles in Geltung blieb und sich keine fremden Gerichtsgewalten in die eigene drängte. 

Das Bielefelder Stadtrecht wurde von Kaufleuten aus Münster mitgebracht. Eine Stadtrechtsverleihung ist nicht überliefert. Es wird davon ausgegangen, dass sich das Recht angesammelt hat aus allgemeinem Kaufmannsrecht, regionalem Landrecht und einem eigenem Stadtrecht, ein sog. Willkürrecht, d. h. ein Recht von „Vorrechtsbürgern“ als herrschende Schicht der Bürgerschaft, woraus auch das Münstersche Stadtrecht als Gesamtgebilde dann entstand.

Für Bielefeld entstand mit der Stadtgründung ein eigener Gerichtsbezirk, der sich auf Stadt und die dazugehörige Feldmark begrenzte. Die Befugnis dazu muss Graf Hermann vom König erhalten haben, wie auch das Recht zur Stadtgründung und des Errichtens von Burgen, das von je her das Recht des Königs war. Mit dieser Befugnis übertrug der König auch den Blutbann, also die hohe Gerichtsbarkeit über Leben und Tod, jus cladii, auf den Landesherrn. 
Somit sollten künftig ein vom Landesherrn bestimmter Ministerialer (Beamter) als Richter und die Ratsherren der Stadt als Schöffen im Bilivelde Recht sprechen.

Mit der Stadtgründung erhielt Bielefeld also auch einen Rat, dem ein Bürgermeister vorstand. Er wurde nicht von den Bürgern gewählt, sondern aus der Mitte des Rates eingesetzt. Der Rat bestand aus dem vom Landesherrn bezahlten Richter und 12 angesehenen ehrenamtlichen Bürgern. Alle Ratssitzungen waren geheim. Weil sich "Städter" in den vergangenen Jahren ihr Recht gegenüber den Landesherren auch mit Gewalt erkämpft hatten, übte Graf Hermann über den (seinen) Richter eine gewisse Kontrolle bezüglich des Rechts und der städtischen Selbstverwaltung aus. Der Rat der Alt-Stadt bestand bis 1719 aus 13 Bürgern der Oberschicht und des Stadtadels. In der späteren Neustadt hingegen waren auch Handwerker als Ratsherren tätig. Dieser Rat bestand aus sieben bis elf Personen. Alt- und Neustadt blieben bis 1520 getrennt mit eigenem Bürgermeister, Richter, Rat und eigener Verwaltung. Erst ab 1488 galt das Bürgerrecht in beiden Städten.

 


Nahezu alle Belange der Rechtsprechung lagen in der Zuständigkeit des Stadtgerichtes. Geistlichkeit und Stadtadel blieben vom Stadtrecht ausgenommen. Zur Vollstreckung eines Bluturteils war die Zustimmung des Landesherrn erforderlich, der sich auch bei der Behandlung von schwierigen Fällen einzuschalten pflegte. Von der stadtgerichtlichen Zuständigkeit ausgenommen waren Ehebruch, Unzucht und Gotteslästerung. Diese Vergehen oblagen der kirchlichen Gerichtsbarkeit innerhalb der Paderborner Diözese, zu der Bielefeld gehörte und die vom Lemgoer Archidiakon = Vorsteher eines Kirchensprengels, ausgeübt wurde.
Verhaftungen in der Stadt durften ebenfalls nicht vom Richter oder den gerichtlichen Helfern vorgenommen werden; dieses Recht besaßen nur die städtischen Behörden.
Da es ein Appelationsgericht nicht gab, holte man sich bei Bedarf Rechtsweisungen vom Rat aus Münster, den man als eine Art Oberhof ansah.

In den Rechtssätzen des Stadtrechtes waren neben den Belangen der städtischen Bewohner auch die des Gerichtsverfahrens geregelt. Ein Urteil wurde nicht vom Richter, sondern von den Schöffen gefunden, weshalb die vollständige Besetzung des Gerichtes erforderlich war. Fehlte ein Schöffe, konnte der Landesherr jeden Bürger als Urteilsfinder heranziehen.

Sechs Pfennige Strafe kostete es, wer auf eine Vorladung des Gerichtes nicht reagierte. Die Zwangsvorführung war möglich. Wer den Gerichtsfrieden störte und vor dem Richter oder dem anwesenden Grafen lärmte oder für Unruhe sorgte, zahlte sechs Pfennige. Begann jemand einen Wortstreit, zahlte er drei Schillinge = 36 Pfennige. Für die Schmähung eines Schöffen wurden je drei Schillinge für den Richter und den Schöffen fällig. 

Der Richter war der Vorsitzende des Gerichtes und zugleich Hauptverwaltungsbeamter des Grafen Hermann in der Stadt. Ab dem Zeitpunkt, wo es einen Amtmann gab, wann das war, ist mir nicht bekannt, war der Richter diesem unterstellt. Dem Amtmann hatte er Rechenschaft über seine Tätigkeiten und über die Einnahmen aus den Gerichtsverhandlungen abzulegen.
Im Mittelalter gab es noch keine Gesetzbücher. Der Sachsenspiegel ab 1220 sammelt lediglich mündlich überliefertes Recht, das mit „eigenem gewachsenem Recht" nach und nach ergänzt wurde, woraus der Schwabenspiegel, der Wolfenbüttler Sachsenspiegel, und der Oldenburger Sachsenspiegel entstanden sind.

Der Ort der Gerichtsverhandlung dürfte in Bielefeld am Rathaus gewesen sein, denn Gerichtsverhandlungen hatten im Mittelalter in aller Öffentlichkeit und unter freiem Himmel stattzufinden.
Später wird das Gericht auch unter den am Rathaus vorhandenen Lauben bzw. Bogen getagt haben. 
Vermutlich hat es in Bielefeld auch einen Blauen Stein gegeben, also die Hinrichtungsstätte. In Köln war Der Blaue Stein auf dem Domhof des erzbischöflichen Gerichts. Man führte die zum Tode Verurteilten zum Blauen Stein, wo sie vom Henker dreimal mit dem Kopf daran gestoßen wurden. Wo er in Bielefeld gestanden hat, kann man nur vermuten. Die heutige Hans-Sachs-Straße, unterhalb der Neustädter Marienkirche, trug noch bis 1799 den Namen "Beim Blauensteine".

 

 

 

Bestrafung eines Bäckers

 

Als Graf Hermann von Ravensberg A.D. 1214 den hiesigen Kaufleuten das Stadtrecht verlieh, dachte er dabei auch an seinen eigenen Vorteil. So muss er sich schon längere Zeit vor der Stadtgründung beim König Friedrich II. um die Privilegien bemüht haben, in Bilivelde eine Münze zu errichten und Zoll zu erheben. Eine königliche Urkunde vom deutschen mitregierenden König Heinrich (VII.) aus dem Jahr 1224, ausgestellt für Hermanns Nachfolger, Graf Otto II., belegt die Belehnung von Münze und Zoll an unseren Grafen im Wortlaut. Empfänger war Otto II. Gemahlin, Gräfin Sophie. Darin heißt es, dass ihr das Lehen in der gleichen Weise übertragen werde, wie es ihr Mann bereits vom Reiche besitze. Für die Nachfolger einer Herrschaft war es im Heiligen Römischen Reich üblich, sich frühere Privilegien durch den amtierenden Landesfürsten oder bei einem Wechsel durch den neuen Landesfürsten bestätigen zu lassen. Nach dem Recht des Mittelalters, ab etwa 1220 erstmals niedergeschrieben im Sachsenspiegel, galt stets die älteste Urkunde als die glaubwürdigste. Durch die spätere Bestätigung erhöhte sich zudem die Glaubwürdigkeit einer Urkunde. War es in den Anfängen des Münzwesens nur Kaisern, Königen und geistlichen Würdenträgern vorbehalten Münzen zu prägen, so änderte sich dies mit dem zunehmenden Erstarken der ländlichen Fürsten, die ihrem obersten Lehnsherrn immer häufiger Rechte abverlangten. Wollte er sich ihrer Loyalität sicher sein, musste er nolens volens nachgeben. So dauerte es nicht lange, bis auch Mark- und Landgrafen und auch einige Grafen und Edelherren dieses Recht erhielten.

 

 

 

 

 

 


der Bielefelder Pfennig

 

dachte sich Graf Hermann und verlieh seinerseits Privilegien an die Bilivelder Kaufmannschaft. Ein lohnendes Geschäft war es sowohl für die Kaufleute als auch für die Grafen von Ravensberg. Die Grafen verliehen Münzstätte und Zoll gegen bare Münze, die Kaufleute profitierten vom Recht Münzen zu prägen durch einen begrenzten Geltungsbereich. Sie ließen in ihrer Münzstätte den Bielefelder Pfennig schlagen. Aber auch in Herford und in Lemgo wurde der Bielefelder Pfennig im gleichen Wert geschlagen. Er galt in der Grafschaft Ravensberg, und die war keineswegs klein, in Lippe und im Bereich des Bistums Minden. Nach den Quellen war der Bielefelder Pfennig auch Grundlage für so manches Geschäft außerhalb dieser Grenzen, z.B. in Handelsbeziehungen bis hin nach Bremen. 
Als erster dürfte der Schwiegersohn des Grafen Otto II., Wolfram von Monschau, etwa 1250 in Bielefeld Münzen im Namen des Grafen geschlagen haben. A.D. 1282 wird ein monetarius Johannes, ein Münzmeister, in einer Urkunde als Zeuge erwähnt.
Wichtigste Voraussetzung für ein wirtschaftliches Aufblühen einer Stadt war der tägliche Markt. Damit wurde die Versorgung der Stadtbewohner mit Lebensmitteln, Gebrauchsgegenständen und allem Notwendigen gesichert. Der Austausch produzierter Waren mit der Landbevölkerung und mit anderen Städten verschaffte den Stadtbewohnern Verdienst und Auskommen. Obwohl Geld als Tauschmittel zu bekommen war, wickelten die ärmeren Bevölkerungsschichten, wie z.B. die Bauern, ihre Geschäfte noch lange Zeit über den Tauschhandel ab und entrichteten den Zehnten in Naturalien. Steuern in Geld zu entrichten konnten sich eher die wohlhabenden Bürger erlauben.  

 

 

 

 


mit dem Wappen der Ravensberger

 

Verwendete Münzwährungen waren der Pfennig, der Schilling, die Mark, 1190 - 1270 der Heller aus Schwäbisch Hall, der Denar, der Groschen, der Gulden, ab 1231 der Augustus Friedrich II., 1235 - 1254 der Magdeburger Brakteat ab 1251 der Dukaten aus Venedig und der Florin aus Florenz, um nur einige Beispiele zu nennen. Übrigens hat es eine Münze namens "Silberling" oder "Goldrandtaler" nie gegeben. Taler sind erst ab dem 15. Jh. bekannt. Etwa bis 1100 blieb das Gewicht des Pfennigs einheitlich gleich. In den Zeiten der Staufer waren Pfennige beinahe nur noch im deutschen Raum im Umlauf. Ihr Geltungsbereich war der Bereich der Münzstätte und der damit verbundenen Rechte in einem begrenzten Gebiet.

Um 800 enthielt ein Pfennig etwa 1,7 Gramm Silber, um 1100 nur noch knapp 1 Gramm. Zum Ende des 13. Jh. befanden sich in einem Pfennig im Durchschnitt gerade mal 0,3 bis 0,4 Gramm Silber. Halbe Pfennige und Viertelpfennige waren aus praktischen Gründen weit verbreitet, so genanntes Hacksilber.

Nach 1100 gaben die einzelnen Münzstätten jeweils ihre eigenen Münzen heraus. Sie unterschieden sich im Gewicht und in der Darstellung. Das hatte Nachteile wie Vorteile. Fernhändler, die mit teuren Waren Handel trieben, mussten gleich mehrere Geldbeutel mit den unterschiedlichen Pfennigen mit sich führen, weil sie nur mit den im Handelsgebiet gültigen Münzen bezahlen durften. Diese abjectio et renovatio, also eine Art Zwangsumtausch bedeutete bei einem Umtauschverhältnis von 4:3, dass die lokalen Münzherren für sich im wörtlichen Sinn daraus regelrecht Geld schlugen. Durch den regen Handel der Kaufleute konnte der Münzherr so seine Prägung in Umlauf bringen. Am weitesten verbreitet war der Kölner Pfennig. Der Haller Pfennig, bekannt als Heller, war überwiegend in Süddeutschland im Umlauf.

Dass auch Kirchenfürsten weltlichen Zwängen unterlagen, belegt eine Praxis des Magdeburger Erzbischofs Wichmann während seiner vierzigjährigen Amtszeit. Der ließ die abjectio et renovatio gleich zweimal im Jahr durchführen. Somit brachte er 80 verschiedene Münzprägungen in Umlauf und füllte sich auf diese Weise seine Bistumskasse kräftig auf.

 

 
 

Unterschieden hatte man zwischen zwei Sorten von Münzen: denen mit einer zweiseitigen Prägung wie auch beim Bielefelder Pfennig und solchen mit einseitiger Prägung, so genannte Brakteaten. Ein Brakteat lat. bractea = dünnes Metallblech, ist keine Währung, sondern eine Bezeichnung aus viel späterer Zeit für eine silberne Pfennigmünze, die nur eine einseitige Prägung aufweist. Anfänglich prägte man solche Brakteaten von beiden Seiten, was zu Folge hatte, dass die Abdrücke in dem dünnen Silberblech unkenntlich wurden. Also schlug man solche Silberpfennige nur noch von einer Seite, wodurch die Münzen bei gleicher Metallmenge auch größer wurden.
Dargestellt wurden in der Regel die Machtattribute des jeweiligen Münzherrn. Zepter, Krone und Reichsapfel mit Kreuz verwiesen auf den König; Mitra, Krummstab und Pontifikalgewand verwiesen auf einen Bischof. Weltliche Münzherren zeigten sich mit Rüstung, Helm, Schild, Schwert, Lanze oder mit ihrem Wappen.

 

 
 
Man rechnete mit Mark (Gewichtseinheit) und Schilling und bezahlte mit Pfennigen. Eine Mark entsprach in unserer Gegend 144 Pfennigen, ein Schilling zu 12 Pfennigen. In der Hansestadt Lübeck entsprach 1 lübische Mark 16 Schillingen oder 192 Pfennigen.
Der Wert einer Münze bemaß sich nach ihrem Gewicht und ihrem Material. Verbreitet war als Gewichtsmaß in ganz Europas das Pfund. Sein Gewicht war jedoch von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Ein Pfund konnte in Nürnberg 510 Gramm haben und in Berlin nur 467 Gramm. Eine Umrechnung damaliger Preise in einen heutigen Eurowert dürfte sich als fast aussichtsloses Unterfangen erweisen. Man kann sich aber ohne Anspruch auf Genauigkeit einem solchen Wert annähern, um eine ungefähre Vorstellung zu erhalten. Vergleicht man z.B. einen Landarbeiter aus dem Jahre 900 mit einem heutigen Landarbeiter, so kommt man im Vergleich von Gramm Silber zu Euro zu einem Wert von etwa €28,-- bis €30,-- für das Gramm Silber.
 

Preise für Lebensmittel:
10 Hühner  1 g Silber €30,--

1 Kg Getreide 3 g Silber €90,--    
1 Schaaf 15 g Silber €450,--    
1 Kuh 100 g Silber €3000,--    
1 Pferd  800 g Silber €24000,--    

Eine Ritterausrüstung kostete:

1 Schwert mit Scheide  250 g Silber €7500,--
1 Helm  367 g Silber €11000,--
1 Kettenhemd 700 g Silber €21000,--
1 Schild mit Lanze  117 g Silber €3500,--
1 Schlachtross  2334 g Silber €70000,--

Das sind nur einige Beispiele. Ein kleiner Bauernhof war für 20 Mark zu bekommen, was etwa €86.000 entspricht.
Bei einem Ritter erhöhen sich die Kosten erheblich, wenn er sich auf einen Kreuzzug begab und optimal ausstattete. Dann kamen noch Kosten für eine Brünne, drei weitere Pferde, Lebensmittelkosten für mindesten zwei Jahre, Kosten für den Nachweis über Vermögen von drei Mark und ggf. Kosten für einen mitgeführten Knappen hinzu.
Dass bei solchen Kosten an der Ausrüstung gespart wurde, liegt auf der Hand. Regelrechtes Glück hatte ein Ritter, wenn er von seinem Herrn dessen abgetragenen Rüstungsteile empfing. Es verwundert nicht, dass viele Ritter die Schwertleite ablehnten und lieber Edelknappen blieben. Andererseits konnten Ritter auf Kreuzzügen nur Reichtümer durch Beutezüge erwarten.

 
Es kam vor, dass an Silbermünzen gekratzt wurde. Auf diese Weise bekam man nach einiger Zeit auch ein schönes Sümmchen zusammen. Die Kaufleute wiegten daher auf den Märkten die in Empfang genommen Münzen nach. Man bekam dann die volle Härte des Gesetzes spüren, wurde man beim Kratzen an Münzen erwischt oder wenn man veränderte Münzen auch nur in Umlauf brachte und im Falle der Unschuld nicht beweisen konnte, woher sie stammte. Mancherorts sah auch die Marktordnung bzw. der Markfriede die entsprechenden Strafen vor. Der Oldenburger Sachsenspiegel sah dafür schwere körperliche Strafen vor. Das ging vom Abtrennen der Hand über ein Bad in heißem Öl, man wurde bei lebendigem Leibe gesotten, bis zur Hinrichtung durch Kopfabschlagen.  
   
 

  

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